Die unabhängige Online-Plattform für Pankow

Geschichte

Ein (fast) vergessenes Jubiläum

Niederschönhausen. Vor 200 Jahren wurde in Pankow das „Elisabethstift“ gegründet und einen Teil der Gebäude gibt es noch immer – aber leider keine Erinnerungstafel.

28.09.2026·Redaktion
Berlin-Pankow, Schönholzer Straße 4, ehemaliges Elisabethstift (Foto Michael Hinze)

Fast hätte auch die „Pankower Panorama“-Redaktion eines der wichtigsten Pankower Jubiläen „verschlafen“ und sich damit an die Seite der Kirchgemeinde Alt-Pankow sowie des Bezirksamtes begeben, deren derzeit noch führende Repräsentantinnen das eigentlich auch aus ihrer Sicht bemerkenswerte Ereignis ebenfalls „übersehen“ haben. Denn weder die auf ihr soziales Engagement pochende, amtierende Bezirksbürgermeisterin, Dr. Cordelia Koch (Bündnis 90/ Die Grünen), noch deren Stellvertreterin Manuela Anders-Granitzki (CDU), oder die von Amts wegen dem Bereich Jugend und Familie verpflichtete Bezirksstadträtin Ronja Tietje (SPD) haben im Mai diesen Jahres daran erinnert, dass vor 200 Jahren auf dem Grundstück Schönholzer Straße 4 die Ehefrau des damaligen Pfarrers Johann Heinrich Weiße, der von 1815-1847 an der Dorfkirche seinen Dienst versah, das „Elisabethstift“ begründete, dessen Gebäude heute von der seit 2017 in Pankow ansässigen Checkpoint Finanz GmbH & Cie. KG genutzt werden.

Vielleicht könnte ja in absehbarer Zeit von amtlicher Stelle oder privater Seite – oder gar von beiden – eine Erinnerungstafel am Grundstück Schönholzer Straße 4 angebracht werden, die an dessen bemerkenswerte Geschichte erinnert?

Nach dem Tod ihrer Tochter, die im Alter von kaum fünf Jahren am 6. Mai 1823 starb, kaufte die Mutter das Grundstück Schönholzer Straße 4, um dort ein Stift für sozial benachteiligte Kinder einzurichten und gab ihm den Namen ihrer verstorbenen Tochter Elisabeth. 1826 wurde das Stift eröffnet und betreute fortan 20-30 Kinder armer Familien.

„Die Kinder kommen meist elend und kränklich hin; aber es ist eine Freude, sie später zu beobachten, wie glücklich und wohl sie sich bei geregelter Pflege und unter der großen Sauberkeit dort fühlen.“ vermerkt die Zeitschrift DER BÄR in ihrer Ausgabe vom 28. Mai 1898.

Die Kosten für deren Betreuung „wurden zu wesentlichen Teilen durch freiwillige Stiftungen aufgebracht“ und sogar die „königliche Familie, ebenso die städtischen Behörden Berlins zeigten großes Interesse … und trugen durch namhafte Geldspenden zu seinem Ausbau und seiner Erhaltung bei.“ (Carl Gießmann/Otto Jacobi, Große Stadt aus kleinen Steinen. Berlin 1936)

1896, zum 70-jährigen Jubiläum der Einrichtung, „das der Erziehung von Kindern gewidmet ist, (wurde) … von den Communal-Behörden ein Beitrag von 100 Thlr. bewilligt und ... von der Haupt-Armenkasse gezahlt“. (Verwaltungs-Bericht des Magistrat zu Berlin für 1869)

Die noch heute stehenden Gebäudeteile des Elisabethstifts wurden in den 1880er Jahren errichtet und ersetzten die marode gewordenen Baulichkeiten auf dem früheren Kossätenhof, der ab 1783 von seinem damaligen Besitzer zu einer (leider nicht den gewünschten Ertrag bringenden) Maulbeerplantage umgewidmet worden war.

Zum 70-jährigen Bestehen des Stifts hieß es lobend:

“Da der Zweck ein wirklich humaner und die Wirksamkeit als eine segensreiche zu bezeichnen ist, verdient es, der materiellen Unterstützung empfohlen zu werden.“

Beides: Berliner Illustrirte Zeitung vom 5. Mai 1901

In einem ausführlichen Beitrag zur 75-Jahr-Feier erinnerte die  „Berliner Illustrirte Zeitung“ am 5. Mai 1901:„Die Gründerin des Stiftes, das hilfsbedürftigen Kindern beiderlei Geschlechts, vom zartesten Alter an bis zum sechsten Lebensjahre, in Ausnahmefällen auch länger, Heimat, gesunde Luft und liebevolle Pflege bietet, war auch seine erste Vorsteherin.“ und ergänzte: „Nach vollendentem sechsten Lebensjahre kehren die Kinder entweder zu ihren Angehörigen zurück oder werden in einem Waisenhause untergebracht.“ Allerdings konnten zu Beginn des 20. Jahrhunderts „statt 30 Kindern … nur noch 22 aufgenommen werden, da, trotz eines vor 22 Jahren erfolgten Anbaus, der Raum beschränkt ist.“ 1906 wurde das „Elisabethstift“ wegen der Verfügbarkeit größerer Räumlichkeiten und der unmittelbaren Naturnähe dann nach Berlin-Hermsdorf verlegt.

Die ehemaligen Stiftsgebäude  wurden bald darauf vom Pankower Architekten Carl Schmidt für die eigene Firma zu Büro- und Wohnzwecken umgestaltet und schließlich zum zentralen Standort für sein im Hoch-, Tief- und Eisenbetonbau aktives Unternehmen.

Angesichts dessen scheint es aus heutiger Sicht fast folgerichtig, dass das einst ausschließlich sozialen Zwecken dienende Grundstück nach dem Umzug des Elisabethstift auch die folgenden acht Jahrzehnte (bis zum Ende der 1990er Jahre) als Zentrum für das örtliche Baugewerbe fungierte: als Werkstatt für die Vorfertigung von Holzbauteilen des VEB Baureparaturen Pankow. MH