Ein (fast) vergessenes Jubiläum
Niederschönhausen. Vor 200 Jahren wurde in Pankow das „Elisabethstift“ gegründet und einen Teil der Gebäude gibt es noch immer – aber leider keine Erinnerungstafel.

Fast hätte auch die „Pankower
Panorama“-Redaktion eines der wichtigsten Pankower Jubiläen
„verschlafen“ und sich damit an die Seite der Kirchgemeinde
Alt-Pankow sowie des Bezirksamtes begeben, deren derzeit noch
führende Repräsentantinnen das eigentlich auch aus ihrer Sicht
bemerkenswerte Ereignis ebenfalls „übersehen“ haben. Denn weder
die auf ihr soziales Engagement pochende, amtierende
Bezirksbürgermeisterin, Dr. Cordelia Koch (Bündnis 90/ Die Grünen),
noch deren Stellvertreterin Manuela Anders-Granitzki (CDU), oder die
von Amts wegen dem Bereich Jugend und Familie verpflichtete
Bezirksstadträtin Ronja Tietje (SPD) haben im Mai diesen Jahres
daran erinnert, dass vor 200 Jahren auf dem Grundstück Schönholzer
Straße 4 die Ehefrau des damaligen Pfarrers Johann Heinrich Weiße,
der von 1815-1847 an der Dorfkirche seinen Dienst versah, das
„Elisabethstift“ begründete, dessen Gebäude heute von der seit
2017 in Pankow ansässigen Checkpoint Finanz GmbH & Cie. KG
genutzt werden.
Vielleicht könnte ja in absehbarer Zeit
von amtlicher Stelle oder privater Seite – oder gar von beiden –
eine Erinnerungstafel am Grundstück Schönholzer Straße 4
angebracht werden, die an dessen bemerkenswerte Geschichte
erinnert?
Nach dem Tod ihrer Tochter, die im Alter von
kaum fünf Jahren am 6. Mai 1823 starb, kaufte die Mutter das
Grundstück Schönholzer Straße 4, um dort ein Stift für sozial
benachteiligte Kinder einzurichten und gab ihm den Namen ihrer
verstorbenen Tochter Elisabeth. 1826 wurde das Stift eröffnet und
betreute fortan 20-30 Kinder armer Familien.
„Die Kinder
kommen meist elend und kränklich hin; aber es ist eine Freude, sie
später zu beobachten, wie glücklich und wohl sie sich bei
geregelter Pflege und unter der großen Sauberkeit dort fühlen.“
vermerkt die Zeitschrift DER BÄR in ihrer Ausgabe vom 28. Mai
1898.
Die Kosten für deren Betreuung „wurden zu
wesentlichen Teilen durch freiwillige Stiftungen aufgebracht“ und
sogar die „königliche Familie, ebenso die städtischen Behörden
Berlins zeigten großes Interesse … und trugen durch namhafte
Geldspenden zu seinem Ausbau und seiner Erhaltung bei.“ (Carl
Gießmann/Otto Jacobi, Große Stadt aus kleinen Steinen. Berlin
1936)
1896,
zum 70-jährigen Jubiläum der Einrichtung, „das der Erziehung von
Kindern gewidmet ist, (wurde) … von den Communal-Behörden ein
Beitrag von 100 Thlr. bewilligt und ... von der Haupt-Armenkasse
gezahlt“. (Verwaltungs-Bericht
des Magistrat zu Berlin für 1869)
Die
noch heute stehenden Gebäudeteile des Elisabethstifts wurden in den
1880er Jahren errichtet und ersetzten die marode gewordenen
Baulichkeiten auf dem früheren Kossätenhof, der ab 1783 von seinem
damaligen Besitzer zu einer (leider nicht den gewünschten Ertrag
bringenden) Maulbeerplantage umgewidmet worden war.
Zum
70-jährigen Bestehen des Stifts hieß es lobend:
“Da
der Zweck ein wirklich humaner und die Wirksamkeit als eine
segensreiche zu bezeichnen ist, verdient es, der materiellen
Unterstützung empfohlen zu werden.“
Beides: Berliner Illustrirte Zeitung vom 5. Mai 1901
In
einem ausführlichen Beitrag zur 75-Jahr-Feier erinnerte die
„Berliner Illustrirte Zeitung“ am 5. Mai 1901:„Die Gründerin
des Stiftes, das hilfsbedürftigen Kindern beiderlei Geschlechts, vom
zartesten Alter an bis zum sechsten Lebensjahre, in Ausnahmefällen
auch länger, Heimat, gesunde Luft und liebevolle Pflege bietet, war
auch seine erste Vorsteherin.“ und ergänzte: „Nach vollendentem
sechsten Lebensjahre kehren die Kinder entweder zu ihren Angehörigen
zurück oder werden in einem Waisenhause untergebracht.“ Allerdings
konnten zu Beginn des 20. Jahrhunderts „statt 30 Kindern … nur
noch 22 aufgenommen werden, da, trotz eines vor 22 Jahren erfolgten
Anbaus, der Raum beschränkt ist.“ 1906 wurde das „Elisabethstift“
wegen der Verfügbarkeit größerer Räumlichkeiten und der
unmittelbaren Naturnähe dann nach Berlin-Hermsdorf verlegt.
Die
ehemaligen Stiftsgebäude wurden bald darauf vom Pankower
Architekten Carl Schmidt für die eigene Firma zu Büro- und
Wohnzwecken umgestaltet und schließlich zum zentralen Standort für
sein im Hoch-, Tief- und Eisenbetonbau aktives
Unternehmen.
Angesichts dessen scheint es aus heutiger
Sicht fast folgerichtig, dass das einst ausschließlich sozialen
Zwecken dienende Grundstück nach dem Umzug des Elisabethstift auch
die folgenden acht Jahrzehnte (bis zum Ende der 1990er Jahre) als
Zentrum für das örtliche Baugewerbe fungierte: als Werkstatt für
die Vorfertigung von Holzbauteilen des VEB Baureparaturen Pankow. MH